Fotoarchiv Hugo Grothe - eine Einführung

Zwischen Orient und Okzident: Das fotografische Erbe von Dr. Hugo Grothe im Fotoarchiv des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS)

PD Dr. Angela Ilić

 

Zur Person Dr. Hugo Grothe

Der Jurist, Geograf, Ethnologe, Fotograf und Orientalist Albert Louis Hugo Grothe (1869–1954) verbrachte zwischen 1896 und 1912 einen Großteil seiner Zeit auf Reisen im Osmanischen Reich und darüber hinaus, insbesondere in seiner Funktion als Auslandskorrespondent der Kölnischen Zeitung. Da sein Vater als Finanzier am Bau der von Deutschland geförderten Bagdadbahn beteiligt war, dokumentierte Grothe dieses und weitere Infrastrukturprojekte intensiv mit seiner Kamera.

Im Jahr 1900 gründete Grothe die Orientalische Gesellschaft in München. Er war zudem maßgeblich an der Entstehung zahlreicher weiterer Vereinigungen beteiligt: der Deutschen Kulturpolitischen Gesellschaft, des Instituts für Auslandskunde und Auslandsdeutschtum (beide in Leipzig) sowie des Instituts für Auslandskunde und Kulturwissenschaft (in München-Starnberg). In diesem Rahmen betrieb er auch eine eigene Fotoagentur und gab ab 1949 die Zeitschrift Der Kulturspiegel heraus.

 

Ein Chronist des Umbruchs

Während seiner Reisen durch das Osmanische Reich in den Jahren 1896 bis 1912 fing Grothe den spannungsvollen Moment zwischen Tradition und Moderne ein. Einerseits dokumentierte er akribisch die vielfältigen lokalen Kulturen und Traditionen. Andererseits stellte er diesen die fortschrittlich-technisierte, westeuropäische – und oft spezifisch deutsche – Zivilisation gegenüber. Seine Fotografien der im Bau befindlichen Eisenbahnstrecke Skopje–Saloniki veranschaulichen diese Herangehensweise eindrucksvoll (siehe u. a. IKGS.NMAZ.1.49).

Grothe war jedoch überzeugt, dass die Eisenbahn allein keinen Fortschritt in den Nahen Osten bringen könne; er betonte die gleichzeitige Notwendigkeit von Schulen und Krankenhäusern. Hierin sah er eine „zivilisatorische Mission“ für die Europäer, allen voran für die Deutschen.

Im Geiste des zeitgenössischen Orientalismus offenbaren Grothes Bilder – neben ihrem dokumentarischen Wert – häufig einen spezifischen „orientalistischen Blick“: die Gegenüberstellung von „exotischer“ Tradition und technischer Innovation. Auch in der Zwischenkriegszeit stützte sich Grothe auf seine fotografische Exzellenz, indem er deutsche Minderheiten als kultivierte, jedoch in einigen Fällen durch ihre nicht-deutschen Nachbarn bedrohte Gruppen inszenierte.

Neben Eisenbahnstrecken, Landschaften (siehe u. a. IKGS.SIE.12.8) und Porträts (siehe u. a. IKGS.ZIP.1.19) widmete sich Grothe mit Vorliebe historischen Bauten in den osmanischen Gebieten (siehe u. a. IKGS.MON.1.69). Während einige dieser Bauwerke noch heute existieren, wurden andere längst zerstört, was seine Aufnahmen zu wertvollen Zeugnissen des materiellen Erbes eines untergegangenen Reiches macht. Neben zahlreichen Aufsätzen in Fachzeitschriften veröffentlichte er auch mehrere Bildbände über seine Reisen.

 

Erforscher deutscher Minderheiten

In der Zwischenkriegszeit verschob sich Grothes Fokus auf die deutschen Minderheiten in Mittel- und Südosteuropa. In den 1920er- und 1930er-Jahren bereiste er die Tschechoslowakei sowie das Königreich Jugoslawien. Er publizierte illustrierte Werke unter anderem über die Deutschen in der Zips/Spiš (1927), in der Gottschee/Kočevska, (1931), in Übersee (1932) und in der Slowakei (1934). 1932 gab er zudem das Kleine Handwörterbuch des Grenz- und Ausland-Deutschtums heraus. Als renommierter Fotograf und einflussreiche Figur der Kulturpolitik prägte er das Bild dieser Volksgruppen in der deutschen Öffentlichkeit und schuf bleibende ethnografische Dokumente.

 

Die Sammlung im IKGS

Im Fotoarchiv des IKGS werden heute mehrere hundert Werke Hugo Grothes aufbewahrt; der Bestand umfasst insgesamt 509 Einheiten. Die Motive decken ein weites geografisches Spektrum ab, das das heutige Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Georgien, Griechenland, Kosovo, Kroatien, Moldau, Montenegro, Nordmazedonien, Rumänien, Russland, Serbien, die Slowakei, Slowenien, die Türkei und die Ukraine umfasst. Die Fotografien, Ansichtskarten und Negative gelangten in den frühen 1950er-Jahren in das Südostdeutsche Kulturwerk, die Vorgängereinrichtung des IKGS.

 

Erschließung und Zugänglichmachung

Im Rahmen des Projekts „Erschließung, Zugänglichmachung und Präsentation historischer Bilder von Dr. Hugo Grothe“ wurden zwischen August und Dezember 2025 die im IKGS befindlichen Bestände verzeichnet. Jedes Bild erhielt eine Signatur, die Metadaten wurden in einer Datenbank erfasst und für ausgewählte Bestände wurde eine Georeferenzierung durchgeführt. Die Bilder wurden digitalisiert und die Daten über das Portal DiFMOE verarbeitet und zugänglich gemacht.

Das Projekt wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales gefördert. Die Projektleitung lag bei PD Dr. Angela Ilić, die Projektbearbeitung im IKGS übernahm Benedikt Arnold. Weitere Informationen finden Sie auf der Projektseite.

Hugo Grothes Bilder besitzen eine besondere Relevanz für die Wissenschaft und die Öffentlichkeit – nicht nur wegen ihrer Rolle bei der Dokumentation vergangener Lebenswelten, wie etwa der Deutschen im Kaukasus (siehe u. a. IKGS.KAU.1.21), sondern auch aufgrund ihrer Verbindung zu Bayern: Grothe verbrachte seine letzten Lebensjahre in Starnberg, wo auch sein letztes Institut ansässig war.

 

Danksagung: Das IKGS bedankt sich bei Vančo Miloševski und Vladimir Petkov vom Eisenbahnmuseum Nordmazedoniens (PE ZRSM Infrastruktur – Skopje) für ihre fachkundige Auskunft und Unterstützung bei der Geolokalisierung ausgewählter Aufnahmen.